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DIE LETZTEN TAGE DER WIENER BEHÖRDE 7. Akt

Diese Stadt ist anders!

OPERATION SCHWAMM DRÜBER !

[Karikatur Wohnbaustadtrat Ludwig in der Dusche:

 

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Zusammenfassung der vorhergehenden Folgen:

Das italienische Autorenpaar Monaldi & Sorti baut sich ein Einfamilienhaus in Anderswo. Ein Baupolizist verlangt von ihnen den bescheidenen Betrag von 5000 Euro, um „die Behördenwege zu vereinfachen“. Monaldi & Sorti weigern sich. Durch einen Seltsamen Zufall werden sie von drei bösen Baupolizisten, Gangsta, Roiba und Schummel, unter einem Berg von Abbruchbescheiden begraben. Die Staatsanwaltschaft beginnt zu ermitteln. Ein Komplott korrupter Beamten gegen Menschen, die sich gegen Korruption wehren? „Aber nein, das ist nur ein Missverständnis“, beteuert der Leiter der Baupolizei, der gerissene Dr. Bautrick, um die Lage zu entschärfen. Doch der Vorgesetzte von Bautrick, der allmächtige Wohnbaustadtrat Ludwig van Beton, will seine geliebten Baupolizisten um jeden Preis schützen.

ACHTUNG: Die wahren Ereignisse, die in diesem 7. Akt beschrieben werden, nämlich das heimliche Eindringen der Baupolizei in unseren Garten und der Versuch, die Person, die uns vertritt, ein noch ungeschriebenes Protokoll unterzeichnen zu lassen, liegen knapp einen Monat zurück. Die Pistole des Killers raucht noch…

 

Ort: Der Garten um das Anderswoer Einfamilienhaus der Autoren

 

Zeit: Im herbstlichen, nebligen Morgengrauen vom letzten 12. November.

 

Stimmung: Konspiration und Blitzkrieg

 

Personen:

 

– Eine Schar Rathausbeamten des unabhängigen Verwaltungssenates, darunter zwei Freuen (die Chefin und eine Schriftführerin).

 

– Frau Dipl. Ing. Schlampigg (Chefin des unabhängigen Verwaltungssenates und Verhandlungsleiter).

 

– Ein Nachbar der Autoren

 

– Dipl.Ing. Gangsta, Dipl.Ing. Roiba, Dipl.Ing. Schummel (Techniker der Baupolizei)

 

– Ludwig van Beton, mächtiger Wohnbaustadtrat di Anderswo, Bürgermeister-Prätendent.

 

Szene: Im Garten geht ein Nachbar der Autoren herum. Jemand klopft an die Gartentür.

 

Eine Stimme – Hallo! Unabhängiges Verwaltungssenat der Stadt Wien! Ist jemand im Garten?

 

Ein Nachbar der Autoren – (öffnet das Gartentor) Guten Tag, ich bin hier.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – (blickt mit misstrauischer Miene über das Gartentor) Wer sind Sie denn?

 

Nachbar – Ein Nachbar von Monaldi & Sorti.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – (noch misstrauischer) Und was machen Sie hier?

 

Nachbar – Frau Monaldi ist in Italien. Sie hat mir die Schlüssel zum Garten gegeben, damit ich Ihnen aufmachen kann. Und sie hat mir gesagt, dass Sie heute hier eine Verhandlung Ihres unabhängigen Verwaltungssenats abhalten wollen.

 

Die Beamten betreten den Garten. Es sind 10 oder 12, darunter eine Frau. Sie wirken schläfrig und schlecht gelaunt. Einige haben noch Spuren vom Schaum einer Melange an den Lippen und der Nasenspitze. Sie verteilen sich im Halbkreis um Schlampigg. Unter ihnen sind drei Personen von verdächtigem Aussehen, ihr Mantelkragen ist hochgeschlagen, sie gehen vorsichtig und wachsam, tragen Sonnenbrillen trotz des trüben Tages.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Guten Tag, liebe Kollegen, guten Tag, Herr Nachbar, Guten Tag, Frau Monaldi.

 

Zweiter Beamter – Die Monaldi is goar net do.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Tja, sowas Dummes. Also gut, ich bin der Verhandlungsleiter. (er liest aus einem Dokument). Wir sind hier, um den 2, 75 Meter langen Abschnitt der Einfriedung zu untersuchen, der von der nordöstlichen Ecke des Hauses der Eheleute Monaldi & Sorti bis zum Aufschließungsweg reicht, der zum Haus führt. Dieser Trakt der Einfriedung überschreitet die höchstzulässige Höhe von 2,5 Metern für ein bewilligungsfreies Bauvorhaben angrenzend an das anschließende und höhergelegene Gelände im Sinne der jetzt geltenden Fassung der Bauordnung für Anderswo, Paragraph 62a 1/21. Da noch keine Bewilligung dieses Abschnitts der Einfriedung von 2,75 Metern beantragt wurde, hat die Baupolizei den Abbruchbescheid AFG326/2009/19K/6W-I-α-bis erteilt.

 

Dritter Beamter – (flüstert einem Kollegen zufrieden zu) Die Behörde hat alles im Griff.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Die Eheleute Monaldi & Sorti haben Einspruch bei der Bauoberbehörde eingelegt, der mit dem Bescheid YZK86/745273/201034/17#654W/4500-5673/YZGHRF56U-XII-β-tris abgelehnt wurde.

 

Vierter Beamter – (flüstert einem Kollegen zufrieden zu) Bausünder in Anderswo werden immer bestraft.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Mit Anzeige YZK091/2012475/17#♪654/4500-000005673YZGHRF56U-XVIII-γ-quater hat die Baupolizei Frau Dr. Monaldi verwaltungsstrafrechtlich angezeigt, da sie eine Verwaltungsübertretung begangen hat.

 

Fünfter Beamter – (flüstert einem Kollegen zufrieden zu) Ausländer raus.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Das Bezirksamt hat die Verwaltungsstrafe mit dem Bescheid TZY707/201232-6675/99#♫328/3400⅞65-00ʬ009/21 775Yӂ/N56שU-MDLXXXVIII-δ-quinquies/ﷲش bestätigt. Wie Sie sehen, ist alles klar und vollkommen verständlich (sie holt Luft).

 

Der siebte Beamte rülpst, der achte lacht, der zweite sagt “Pssssst!“.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Heute sind wir lediglich hier, um festzustellen, ob und inwiefern die Strafe in Höhe von 750 Euro zu Recht besteht.

 

Sechster Beamter – (den Kollegen zugrinsend) Na sicher, besteht die zu Recht.

 

Plötzlich lösen sich Roiba, Gangsta e Schummel aus dem Halbkreis der Beamten und beginnen, den Garten zu fotografieren: Pflanzen, Stützmauern, Treppen, Pergola, Gartenlaube …

 

Nachbar – He, Moment mal! Sie dürfen keine Fotos vom Garten machen, die Verhandlung betrifft nur die Einfriedung.

 

Gangsta, Roiba und Schummel – Na, und? Wir von der Baupolizei sind vom unabhängigen Verwaltungsamt zu der Verhandlung eingeladen worden, und wir fotografieren was wir wollen.

 

Nachbar – Sind Sie Baupolizisten? Aber auf der Ladung zur Verhandlung sind keine Baupolizisten ausgewiesen!

 

(Gangsta, Roiba e Schummel hören nicht mehr auf den Nachbarn und machen weiter seelenruhig ihre Fotos).

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Jetzt Ruhe! Herr Nachbar, möchten Sie zur Einfriedung etwas aussagen?

 

Nachbar – Ich bin eigentlich nur hier, weil ich die Schlüssel zum Garten habe. Aber da Sie mich fragen, erlaube ich mir, etwas zu bemerken. Ihr messt die Höhe der Einfriedung von draußen, vom Grund des Nachbarn aus. Aber das anschließende, höher gelegene Gelände ist hier drin, auf dieser Seite. Wenn Sie das Maßband benutzen, werden Sie sehen, dass die Einfriedung, wenn man von hier, vom Garten aus misst, längst nicht 2,50 Meter hoch ist, sondern gerade mal eben 1,75 Meter. Also sind alle Ihre Bescheide falsch, wenn ich nicht irre.

 

Die Beamten wechseln Blicke. Überraschtes und bestürztes Murmeln.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Das kann nicht sein!

 

Zweiter Beamter– Das ist eine Provokation.

 

Dritter Beamter – Aber er hat recht, daran haben wir nicht gedacht.

 

Vierter Beamter– Natürlich nicht! Ludwig van Beton verlangt ja ständig von uns, dass wir an diesem Haus etwas finden, was nicht in Ordnung ist.

 

Fünfter Beamter – Halt den Mund, du Idiot!

 

Sechster Beamter – Lasst uns Maß nehmen, dann sehen wir ja, ob es stimmt, was der Nachbar sagt!

 

Siebter Beamter – Seid ihr verrückt geworden? Was machen wir, wenn er recht hat?

 

Der zweite, vierte und fünfte Beamte gehen zur 2,75 Meter langen Einfriedung,dem Gegenstand der Verhandlung. Jeder der drei holt ein ausziehbares Maßband aus der Tasche und klettert auf ein Mäuerchen, um mit dem Ende des Maßbands die Oberkante der Einfriedung zu erreichen. Die Maßbänder der drei verwickeln sich miteinander wie beim Fechtkampf. Der zweite Beamte stolpert und fällt, der vierte hilft ihm, aufzustehen, der fünfte gestikuliert ungeduldig. Dann kehren sie zu ihren Kollegen zurück.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Nun? Wie hoch ist die Einfriedung auf dieser Seite?

 

Zweiter Beamter – (verlegen)Das kann man jetzt noch nicht sagen, erst müssen die Daten sorgfältig ausgewertet werden. Wir müssen die Maße in den Computer eingeben und verarbeiten …

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Die mit einem Maßband gemessene Höhe einer Mauer verarbeiten?

 

Vierter Beamter – Aber Chef, der Fall ist kompliziert…

 

Fünfter Beamter – … und auch ziemlich einzigartig!

 

Die Schriftführerin – (murmelt unterdessen in ihr Diktiergerät)Illegale Ausführungen von enormer Tragweite … die schwerwiegenden Übertretungen sind offensichtlich…hier muss eine besonders harte Strafe angewendet werden … schwere Schäden für die Stadt Anderswo … sogar der Vertreter der Monaldi gibt schwere Schuld zu. Punkt.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Jetzt muss das Protokoll unterzeichnet werden.

 

Die Schriftführerin – (reicht dem Nachbar ein Blatt Papier) Herr Nachbar, Sie sind bei dieser Verhandlung Zeuge gewesen. Bitte unterschreiben Sie dieses Protokoll.

 

Nachbar – Entschuldigen Sie, aber das Blatt ist ja leer.

 

Die Schriftführerin – (ironisch lächelnd) Na und? Es bleibt ja nicht ewig leer! Das ist für das Protokoll, verstehen Sie das oder nicht?

 

Nachbar – Mag sein. Aber ich kann nicht unterschreiben, was schriftlich noch gar nicht vorliegt. (gibt der Beamtin das Blatt zurück).

 

Die Schriftführerin – Aber Sie haben doch gehört, was ich mit meinem Diktiergerät aufgenommen habe, oder? Also wissen Sie schon, was im Protokoll stehen wird.

 

Nachbar – Ich habe nicht alles gehört, was Sie aufgenommen haben. Auf jeden Fall kann ich kein Protokoll unterschreiben, das noch nicht geschrieben ist.

 

Die Gruppe der Beamten regt sich auf, alle reden empört miteinander und gestikulieren.

 

Zweiter Beamter – Sie wagen doch nicht etwa, uns zu misstrauen!

 

Dritter Beamter – Das ist eine Beleidigung!

 

Vierter Beamter – Unerhört!

 

Fünfter Beamter – (zum Nachbar) Ist Ihnen klar, was Sie hier anrichten? Sie behindern unsere Arbeit!

 

Nachbar – Wenn das so ist, tut es mir leid. Aber ich unterschreibe kein ungeschriebenes Protokoll.

 

Sechster Beamter – Alle Bauherren unterschreiben das Protokoll! Keiner hat Einwände.

 

Nachbar – Das ist ihre Sache. Würden Sie einem Kellner Ihre Kreditkarte geben, bevor Sie die Rechnung haben?

 

Sechster Beamter – Was für Fragen! Natürlich ja, das heißt nein, ich meine … aber was soll diese Frage?

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – (ernst, fast drohend) Herr Nachbar, ich rate Ihnen aus-drück-lich, noch einmal darüber nachzudenken. Das ist ein freundschaftlicher Rat.

 

Nachbar – Würden Sie mit einer Frau ins Bett gehen, bevor Sie ihr ins Gesicht gesehen haben oder wenigstens nach ihrem Hintern geschielt haben?

 

Die Schriftführerin – Das ist Sexismus! Diskriminierung der Frau! Chauvinismus! Nehmen Sie das zurück! Und unterschreiben Sie endlich dieses Protokoll, wir können nicht noch mehr Zeit verlieren (sie drückt ihm abermals das weiße Blatt und einen Kugelschreiber in die Hand).

 

Nachbar – Ich nehme zurück, was ich gesagt habe, aber ich unterschreibe nicht. Würden Sie mit einem Mann ins Bett gehen, bevor Sie sein Gesicht oder wenigstens seine Brustmuskeln gesehen haben?

 

Die Beamtin – Das ist eine Frechheit! (reißt dem Nachbarn das Blatt und den Kugelschreiber aus der Hand).

 

Vierter Beamter – (leise zu Frau Dipl. Ing. Schlampigg) Chefin, was machen wir?

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Ich muss telefonieren.

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg absentiert sich und tippt die Nummer von Ludwig van Beton, dem Wohnbaustadtrat von Anderswo, in ihr iPhone.

 

Ludwig van Beton – (nackt in der Duschkabine seiner Wohnung, dreht den Wasserhahn zu und streckt den Arm aus der Kabine zum Telefon, das auf einem Tischchen liegt. Dabei rutscht er aus und fällt in der Duschkabine auf den Hintern. Schmerzverzerrt steht er auf und antwortet endlich) Jaaa?

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg –Herr Wohnstadtbaurat! Hier Schlampigg. Ich störe Sie hoffentlich nicht…

 

Ludwig van Beton – (massiert sich den Hintern) Nicht mehr als sonst. Wie ist es bei den italienischen Schreiberlingen gelaufen? Habt ihr alles fotografiert? Die Pergola, den Garten, die Gartenlaube …

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg –Natürlich, Herr Wohnbaustadtrat! Ich schicke Ihnen die Fotos so bald wie möglich. Aber jetzt gibt es ein Problem. Die Fotos haben Gangsta, Roiba e Schummel gemacht, die aber nicht mal berechtigt waren, den Garten zu betreten, weil sie nicht geladen waren. Außerdem weigert sich der Vertreter der Monaldi, das leere Papier für das Protokoll zu unterschreiben.

 

Ludwig van Beton – Muss denn immer ich für alles eine Lösung finden? Beruft eine neue Verhandlung bei euch im Büro ein und schickt der Monaldi eine Ladung. Dann lasst ihr sie eine neue Erklärung unterschreiben, irgendeine. Dass wir beim Verwaltungsgerichtshof Recht bekommen, darum kümmert sich sowieso dieser Jurist, ein Freund von Bautrick, ein ehemaliger Beamte unserer Magistratsdirektion, ein verarmter Adeliger, ich glaube, er heißt Rechtsverdreher von Max und Moritz…

 

Frau Dipl. Ing. Schlampigg – Ja, genau, Graf Adolf Rechtsverdreher von Max und Moritz. Aber die heutige Verhandlung? Und das nicht unterschriebene Protokoll?

 

Ludwig van Beton – Die nächste Verhandlung darf ab-so-lut keinen Zusammenhang mit der heutigen haben. Dann wird keiner sich mehr an das nicht unterschriebene Protokoll erinnern, hahaha! Und außerdem, verdammt nochmal! Muss ich dir denn sogar noch beibringen, was man in solchen Fällen in Anderswo sagt? SCHWAMM DRÜBER!