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DIE LETZTEN TAGE DER WIENER BEHÖRDE 6. Akt

Diese Stadt ist anders!

HOCH LEBEN DIE GUMMIPARAGRAPHEN !

Zusammenfassung der vorhergehenden Folgen:

  Das italienische Autorenpaar Monaldi & Sorti baut sich ein Einfamilienhaus in Anderswo. Ein Baupolizist verlangt von ihnen den bescheidenen Betrag von 5000 Euro, um „die Behördenwege zu vereinfachen“. Monaldi & Sorti weigern sich. Durch einen seltsamen Zufall werden sie von drei bösen Baupolizisten, Gangsta, Roiba und Schummel, unter einem Berg von Abbruchbescheiden begraben. Die Staatsanwaltschaft beginnt zu ermitteln. Ein Komplott korrupter Beamten gegen Menschen, die sich gegen Korruption wehren? „Aber nein, das ist nur ein Missverständnis“, beteuert der Leiter der Baupolizei, der gerissene Dr. Patrick Bautrick, um die Lage zu entschärfen. Doch der Vorgesetzte von Bautrick, der allmächtige Wohnbaustadtrat Ludwig van Beton, will seine geliebten Baupolizisten um jeden Preis schützen. So bestellt er bei ZUSPÄT – Heute die Nachrichten von gestern, der Boulevardzeitung, die er selbst mit Werbeaufträgen in Millionenhöhe am Leben erhält, einen üblen Artikel gegen Monaldi & Sorti. Doch es gibt eine Überraschung: Die Journalisten von ZUSPÄT erliegen der Versuchung, die Wahrheit zu schreiben, und setzen eine Riesenüberschrift auf die erste Seite: „Die Anderswoer Baupolizei ist korrupt!“ Um sich vor seinen Männern nicht zu blamieren, beschließt Ludwig van Beton, einen empörten Brief an Bautrick zu schreiben, in dem er sie seiner moralischen Unterstützung versichert. Die Autoren dieses Theaterstücks haben den Originalbrief fotografiert: Er war beim Bauamt sogar angehängt! Um ihn zu sehen hier klicken.

  Doch während Ludwig van Beton seinem getreuen Pressesprecher den Brief diktiert, tauchen neue Schwierigkeiten am Horizont auf …

  ORT:

  Das Schlafzimmer von Ludwig van Beton

  ZEIT:

  Gegen 19 Uhr, die Theatervorstellung beginnt bald.

  PERSONEN:

  Ludwig van Beton – Wohnbaustadtrat von Anderswo, prominentes Mitglied der Regierungspartei Tomaten Rein!, außerdem Bürgermeister-Prätendent . Korpulent, ungepflegter Bart, zu weites Jackett, autoritäres Auftreten.

  Onno Werbungswahn – Pressesprecher von Ludwig van Beton.

  Harry Grammelsucht – Bürgermeister von Anderswo, Vorsitzender der Partei Tomaten Rein! Dicklich, gepflegter Schnurrbart, zu enges Jackett.

  Ein Tonbandgerät – Arbeitswerkzeug von Ludwig van Beton.

  

  ONNO WERBUNGSWAHN: (sitzt auf dem ungemachten Bett von Ludwig van Beton, ein elektronisches Gerät in der Hand, mit dem er pausenlos herumspielt. Neben sich das Tonbandgerät von Ludwig van Beton): „Chef, es ist spät! Vergiss nicht, dass du pünktlich in der Staatsoper sein musst. Ich habe dem Fotografen gesagt, er soll kurz vor 8 am Eingang sein, um das Foto von dir zu machen, das in ZUSPÄT erscheinen soll!

  LUDWIG VAN BETON: (in Unterhose und Socken vor einem großen Spiegel, zieht sich das Hemd an) Ich weiß, dass es spät ist, mach mich nicht nervös! Was hast du da in der Hand?

  ONNO WERBUNGSWAHN: Mein neues i-Phone. Was sagst du dazu, Chef? Schick, was? Hat mich ein Vermögen gekostet.

  LUDWIG VAN BETON: Du denkst immer nur an dein Vergnügen. Jetzt schreib, Idiot!

  (er stellt das Tonbandgerät an)

  DAS TONBANDGERÄT: (man hört die Stimme von Ludwig van Beton, Werbungswahn transkribiert mit atemberaubender Geschwindigkeit in sein Notizbuch): „Sehr geehrter Herr Dr. Bautrick, lieber Gerhard! Selbstverständlich lassen wir eine im höchsten Maße unkorrekte Darstellung der Baupolizei, wie sie kürzlich in der Tageszeitung ZUSPÄT publiziert wurde, nicht unbeachtet. Und außerdem… verwehre ich mich, verwehre ich mich…“ Ich hab‘s! „Ich verwehre mich vehement gegen diese zutiefst unseriöse Berichterstattung, bei der auf Kosten der Anderswoer Baupolizei reißerische Schlagzeilen gemacht wurden. Ich möchte… „(hier gibt das Tonbandgerät eine Reihe volltönender Schluchzer des Wohnbaustadtrats wieder, dann einen Knall, ein Zeichen der Nervosität Ludwigs, die sich gegen das Gerät entlädt. Dann herrscht Stille).

  OTTO WERBUNGSWAHN: (beginn verlegen, das Band vor- und zurück zu spulen, auf der vergeblichen Suche nach der Fortsetzung des Diktats) Ähm, wie soll der Brief denn jetzt weitergehen, Chef?

  LUDWIG VAN BETON: (mit der feierlichen Gebärde des großen Redners den Zeigefinger der rechten Hand in die Luft streckend) … „Ich möchte diesen unerfreulichen Fall aber auch neuerlich zum Anlass nehmen, dir und deinen hervorragenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern meine Anerkennung und mein höchstes Vertrauen auszusprechen.“ Teufel auch, es ist stimmt wirklich, was meine neue Sekretärin sagt.

  ONNO WERBUNGSWAHN: Was sagt sie?

  LUDWIG VAN BETON: (immer noch in Unterhose, aber er trägt jetzt das Hemd. Bindet sich die Krawatte, hebt dabei hochmütig das Kinn) Dass meine Reden besser sind als die von Demophilos, dem berühmten Athener Redner.

  ONNO WERBUNGSWAHN: Meinst du Demosthenes, Chef?

  LUDWIG VAN BETON: Demosthenes, Demophilos, das ist doch dasselbe. Jetzt schreib: „Die Anderswoer Baupolizei – und daran kann und wird auch eine reißerische Schlagzeile nichts ändern – genießt einen ausgezeichneten Ruf, der von einem Stab von engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen wird, die tagtäglich ihre große Kompetenz und ihre absolute Vertrauenswürdigkeit unter Beweis stellen!“ Wie findest du das, Onno? Nicht schlecht, wie?

  Werbungswahns Handy klingelt, er führt ein kurzes, einsilbiges Gespräch mit einem unbekannten Gesprächspartner. 

  ONNO WERBUNGSWAHN: Chef, wir haben neue Probleme.

  LUDWIG VAN BETON: (während er sich die Hose anzieht) Und welche?

  ONNO WERBUNGWAHN: Eine Immobilienmaklerin hat das halbe Rathaus bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Dich eingeschlossen.

  Ludwig van Beton verheddert sich in den Hosenbeinen und stürzt geräuschvoll zu Boden. Werbungswahn eilt herbei und hilft ihm beim Aufstehen. Der Wohnbaustadtrat richtet sich mühsam, ächzend und fluchend, wieder vor dem Spiegel auf.

  LUDWIG VAN BETON: Idiot … Verbrecher … Mir solche Nachrichten mitzuteilen, während ich mich anziehe …

  ONNO WERBUNGSWAHN: Aber Chef, du sagst doch immer, dass du die schlechten Nachrichten sofort hören willst!

  LUDWIG VAN BETON: (sich mit einer eleganten Pirouette vor dem Spiegel drehend, um die Bügelfalte der Hose zu kontrollieren) Widersprich mir nicht immer! Was hat man dir sonst noch über diese Sache mitgeteilt?

  ONNO WERBUNGSWAHN: Die Maklerin hat sich ein Kleingartengehaus gebaut. Die Baupolizei sagt, dass das Häuschen ein paar Zentimeter höher ist als bewilligt, und hat ihr einen Abbruchbescheid für das ganze Haus zugestellt, obwohl das Haus laut einiger Vermessungsgutachten ordnungsgemäß gebaut wurde. Die Frau hat trotzdem um eine nachträgliche Bewilligung dieser vermutlichen Überschreitung der Höhe gebeten. Die Baupolizei hat sie ihr verweigert, da sie den Paragraph 15 des Anderswoer Kleingartengesetz nicht beachtet habe: „Baulichkeiten sind der bestehenden Höhenlage möglichst anzupassen“. Die Frau hat Berufung beim Verwaltungsgerichtshof eingelegt, aber verloren.

  LUDWIG VAN BETON: Sehr gut! Also abreißen, sofort abreißen! Ich liebe es, Plattenhäuser zu bauen, die sich gut mit Wählern vollstopfen lassen, aber noch lieber reiße ich Kleinhäuser mit ihren lächerlichen Gärtchen ab, die nur von Dachsen bevölkert werden. Worauf warten wir? Wo ist das Problem?

  ONNO WERBUNGWAHN: Das Problem ist, dass es diesen Paragraph 15 nicht gibt, Chef.

  LUDWIG VAN BETON: Wie, den gibt es nicht?

  ONNO WERBUNGSWAHN: Der Anwalt der Maklerin hat Untersuchungen angestellt und herausgefunden, dass es diesen Satz im Text des vom Landtag von Anderswo verabschiedeten Kleingartengesetzes nicht gibt. Wahrscheinlich hat irgendjemand von der Baupolizei ihn kurz vor der Veröffentlichung hineingeschmuggelt.

  LUDWIG VAN BETON: Jemand von der Baupolizei?

  ONNO WERBUNGSWAHN: (in mütterlichem Ton) Klar, Chef, das ist doch der übliche kleine Trick: Irgendeinen völlig vage formulierten Gummiparagraphen in die Baugesetze von Anderswo schmuggeln, damit die Baupolizisten ihn anwenden können, wann und wie es ihnen passt. Erinnerst du dich nicht, dass Bautrick uns das erklärt hat?

  LUDWIG VAN BETON: Ach ja, die Gummiparagraphen. Gott segne sie, die sind äußerst nützlich. Und jetzt? Wo ist das Problem? Denk immer dran, dass ein Abtragungsauftrag etwas Erhabenes ist, das weit über dem Gesetz steht. Übrigens, haben wir nicht schon einmal einen Abtragungsauftrag für das Haus dieser beiden italienischen Schreiberlinge Monaldi & Sorti erteilt? Der stützte sich auf die Ortsaugenscheinverhandlung, die in Wirklichkeit nie stattfand, war es nicht so?

  ONNO WERBUNGSWAHN: Du hast recht, aber du musst zugeben, dass wir in dem Fall ein ziemliches Risiko eingegangen sind: Gangsta, Roiba und Schummel haben bei der „Herstellung“ des Verhandlungsprotokolls übersehen, dass die Unterschrift des Bezirksvertreters fehlte … und außerdem haben sie nicht gemerkt, dass die Fotos von dem Haus, die laut Protokoll am Tag der Verhandlung gemacht wurden, ein anderes Datum trugen als das der Verhandlung …

  LUDWIG VAN BETON: (ungeduldig) Einverstanden, aber was ist am Ende dabei rausgekommen? Nichts, rein gar nichts. Die Staatsanwaltschaft hat einen kräftiger Schnarcher darauf gelassen, haha!

  ONNO WERBUNGSWAHN: (nachdenklich) Diesmal ist das Problem, dass alle Einsprüche der Maklerin aufgrund eben dieses Satzes abgelehnt wurden, den der Landtag ja so niemals verabschiedet hat. Und es sei die Baupolizei gewesen, sagt die Maklerin, die die Behörden auf höherer Ebene überzeugt hat, dass der Satz in jeder Hinsicht gültig ist. Darum hat die Dame ein Dutzend Beamter des Rathauses angezeigt, dazu dich, Bautrick und den Bürgermeister.

  LUDWIG VAN BETON: Was? Den Alten auch?

  ONNO WERBUNGSWAHN: Den auch.

  LUDWIG VAN BETON: (kratzt sich versonnen am Bärtchen) Tja, wenn der Alte endlich von der Bildfläche verschwände, könnte ich mich über diese Geschichte ja fast freuen. Nach seiner Abdankung könnte ich … Nun, ich werde drüber nachdenken.

  ONNO WERBUNGSWAHN: Es wird morgen in der Zeitung stehen. Wir geben dabei keine gute Figur ab.

  LUDWIG VAN BETON: Ist mir scheißegal. Du kaufst morgen zehn Seiten Werbung in jeder Tageszeitung von Anderswo und sagst, von dieser Geschichte mit der Maklerin darf kein einziges Wort mehr erscheinen. Und jetzt Schluss mit dem Gequatsche! Wir müssen den Brief an Bautrick fertigmachen. Der soll morgen gut sichtbar in allen Büros der Baupolizei an der Wand hängen! Schreib: „Die exzellente Arbeit, die die Baupolizei leistet, ist aufgrund ihrer hohen und rechtlich fundierten Qualität manchen Bausündern, die sich nicht an Gesetze gehalten haben und die eine nachträgliche Rechtfertigung ihrer Übertretungen – als letzten „Ausweg“ – via medialer Berichterstattung anstreben, ein Dorn im Auge“.

  ONNO WERBUNGSWAHN: Phantastisch, Chef! Die Bausünder, von denen du sprichst, sind wieder diese beiden Italiener, Monaldi & Sorti, stimmt’s?

  LUDWIG VAN BETON: Natürlich. Von denen habe ich auch in diesem Interview mit der Anderswoer Zeitung gesprochen, in dem ich erklärt habe, wie wir bei der Umstrukturierung der Baupolizei vorgehen … Übrigens, wann ist das Interview erschienen?

  ONNO WERBUNGSWAHN: (reicht seinem Chef eine Zeitung) Heute. Hier ist es. Ich habe es noch nicht gelesen, diese Ehre überlasse ich dir.

  LUDWIG VAN BETON: (schlägt die Zeitung auf, blättert sie rasch durch) Da ist ja das Interview. Und da ist auch eine Erklärung über die Funktionsweise der Baupolizei. Aber … aber … schon wieder … Neiiiiiin! Onno, du bist ein dämlicher Schwachkopf!

  Der Wohnbaustadt wirft die Zeitung auf den Boden, seine Augen sind blutunterlaufen, er hämmert mit Fäusten auf den Spiegel ein. Werbungswahn hebt die Zeitung auf und steckt die Nase zwischen die Seiten. Mit zitternder Stimme liest er die Überschriften und ein paar Sätzen aus dem Artikel über die Baupolizei:

  ONNO WERBUNGSWAHN: Überschrift: „Die Baupolizei wird nur noch nachhumpeln. Bestechung ist üblich… Ein leitender Baureferent für den 3. Bezirk habe vergangenen Monat in einem vertrackten Bauverfahren zur schnellen Klärung einen fünfstelligen Eurobetrag entgegengenommen… Nicht die Bauordnung ist ausschlaggebend für eine Genehmigung, sondern die Interpretation des jeweiligen Sachbearbeiters…“

  LUDWIG VAN BETON: (mit Grabesstimme) Das Schlimmste ist, wenn jetzt einer im Internet den Satz „Die Baupolizei wird nur noch nachhumpeln“ sucht, wird er jahrelang diesen verfluchten Artikel finden.

  ONNO WERBUNGSWAHN: (schluchzend) … und wenn einer Sätze wie „Die Baupolizei ist korrupt“ sucht, wird er jahrelang die Artikel über den Fall Monaldi & Sorti finden, oder die über die Immobilienmaklerin, die das halbe Rathaus angezeigt hat … Und alle werden sich an den Ruf der Baupolizei unter deiner Führung erinnern. Jahrelang …

  LUDWIG VAN BETON: Auch dann noch, wenn ich Bürgermeister sein werde …

  ONNO WERBUNGSWAHN: Auch dann noch, wenn du Bürgermeister sein wirst …

  LUDWIG VAN BETON: (mit Tränen in den Augen): Verdammtes Internet …

  ONNO WERBUNGSWAHN: (lässt das Notizbuch fallen) Verdammtes Internet …

  Wieder klingelt das Handy von Werbungswahn. Mit einem katzenhaften Sprung stürzt sich der Pressesprecher auf das Gerät und antwortet. Als er begreift, wer anruft, verdreht er die Augen und reicht seinem Chef das Handy.

  ONNO WERBUNGSWAHN: (flüsternd) Es ist der Alte!

  LUDWIG VAN BETON: (reißt das Handy gebieterisch an sich) Mein lieber Harry, was für eine Freude! Ich dachte gerade an dich! Was sagst du? Ich soll die Heuchelei lassen? Aber Harry, ich schwöre dir …

  Aus dem Handy hört man die Stimme des Bürgermeisters Harry Grammelsucht krächzen, der droht und schimpft. Bleich wie ein Gespenst spricht Ludwig van Beton mindestens zwei Minuten lang kein Wort.

  LUDWIG VAN BETON: Natürlich Harry, ich verstehe. Die Anzeige dieser Immobilienmaklerin hat dir nicht gefallen. Wenn die Zeitungen das veröffentlichen, stehen wir ganz beschissen da, du hast recht. Aber ich bitte dich, zu bedenken, dass es in den letzten Jahren bei der ganzen Baupolizei keine einzige Verurteilung wegen Korruption gegeben hat!

  Die Stimme dringt so laut aus dem Handy, dass sie im ganzen Zimmer widerhallt, und auch Onno Werbungswahn kann sie hören.

  HARRY GRAMMELSUCHT: Wenn es keine einzige Verurteilung gegeben hat, dann liegt das nicht daran, dass die Baupolizisten alle ehrlich sind! Wir regieren diese Stadt seit einem halben Jahrhundert, und die Richter haben Angst vor uns, so ist das! Aber die Leute sind nicht blöd, sie werden allmählich wütend, und die Wahlen rücken näher! Habe ich mich klar genug ausgedrückt?

  LUDWIG VAN BETON: In Ordnung, Harry, ich werde alles tun, was du willst! Ich bin dein treuer Freund, Harry! Jeden Abend bete ich darum, dass du für weitere zehn Jahre unser Bürgermeister bleibst, Harry, das schwöre ich dir! Ich verspreche dir, dass ich unter den Baupolizisten aufräume, ich werde alle aus dem Amt jagen, die …

  HARRY GRAMMELSUCHT: Hör auf mit deinen Versprechungen! Krieg endlich deinen Arsch hoch! Ich bin es leid, von allen Einwohnern Anderswos zu hören, dass die Baupolizei eine Verbrecherbande ist! Hast du mich verstaaaanden?

  Betäubt von Grammelsuchts Schrei, massiert sich Ludwig van Beton mit einer schmerzverzerrten Grimasse das Ohr, an das er das Handy gepresst hatte. Onno Werbungswahn wühlt in den Badezimmerschränkchen und holt Pflaster, Binden, Gaze, eine Nagelschere, eine Rolle Toilettenpapier, Rasiercreme, ein Schmerzmittel und sogar eine Flasche Sauerstoff hervor. Dann nähert er sich dem Ohr seines Chefs, um es zu verarzten. Ludwig van Beton fegt das ganze Waffenarsenal seines Pressesprechers mit einer wütenden Handbewegung durchs Zimmer. Dann legt er das Handy aufs Bett und stellt den Lautsprecher an, um nicht erneut von der Stimme des Bürgermeisters betäubt zu werden.

  HARRY GRAMMELSUCHT: Ach, ich habe etwas vergessen.

  LUDWIG VAN BETON: (erschöpft) Sprich, Harry.

  HARRY GRAMMELSUCHT: Gib doch bitte nicht allen zu verstehen, dass du gerne an meiner Stelle Bürgermeister wärst. Das ist geschmacklos.

  LUDWIG VAN BETON: (erschöpft) Aber Harry, ich habe nie gesagt, dass …

  HARRY GRAMMELSUCHT: Du hast es nie gesagt, aber du trägst es auf der Stirn geschrieben. Und das ist lächerlich, denn als Bürgermeister würdest du versagen. Jeder Esel hätte die Skandale der Baupolizei besser im Griff als du. Und verlier bitte heute Abend keine Zeit im Theater, im Kino oder sonst wo. Geh schön brav ist Bett und denk dran, dass Politik, die echte Politik, nicht bedeutet, sein Gesicht jeden Tag in der Zeitung abbilden zu lassen. Politik bedeutet Intelligenz und harte Arbeit. Gute Nacht.

  Knacken. Harry Grammelsucht, der ruhmreiche Bürgermeister von Anderswo hat aufgelegt. Das Telefonat ist beendet.

  Zwei oder drei Minuten vergehen, während deren der Wohnbaustadt und sein treuer Pressesprecher mit leerem Blick und halb geöffnetem Mund vor sich hin starren wie zwei Drogensüchtige. Endlich reißt der Pressesprecher sich zusammen.   

  ONNO WERBUNGSWAHN: Weißt du was, Chef? Vielleicht hat der Alte recht. Diese Geschichte, dass die Baupolizei korrupt ist, fängt an, sich ein bisschen zu sehr herumzusprechen. Gestern hat mich ein Bauträger angerufen und gefragt, ob es stimmt, dass man das Schmiergeld auch in zinslosen Monatsraten zahlen kann.

  Wieder klingelt das Handy. Ludwig van Beton springt auf, wie von einer Biene gestochen, und drückt Werbungswahn das Handy in die Hand. Der Pressesprecher gibt es ihm sofort zurück, als wäre es eine Handgranate mit gezogenem Zünder. Der Austausch wiederholt sich drei oder viermal, bis Werbungswahn den Mut findet, zu antworten.

  ONNO WERBUNGSWAHN: (zitternd vor Angst) Bibibitte, Herr Bürgermeister, zu Ihren Diensten! Was … wer ist da? Karl-Stefan, bist du das wirklich? Lach nicht, du Idiot! Ja, natürlich habe ich die Verabredung nicht vergessen! Warte einen Moment; (er bedeckt das Telefon mit einer Hand und wendet sich flüsternd an Ludwig van Beton) Chef, der Fotograf von ZUSPÄT wartet seit einer Viertelstunde vor der Staatsoper auf Dich! Soll ich ein Taxi rufen?

  LUDWIG VAN BETON: (verstört, mit blutunterlaufenden Augen) Ein Taxi? Du willst mir tatsächlich ein Taxi fürs Theater rufen?

  ONNO WERBUNGSWAHN (zitternd vor Angst) Aber … aber … nein, Chef, nicht! Nein, ich bitte Dich, lass mein i-Phone los! Neiiiin, bitte, nicht das Fenster! Was ist denn mit Dir los? Hilfe! Stehenbleiben, um Himmelswillen! Was tust Du da? Ich bin doch keine Zielscheibe im Zirkus!

  Ludwig van Beton wirft Onno Werbungswahns nagelneues i-Phone aus dem Fenster. Dann schmettert er das Tonbandgerät mehrmals gegen den Pressesprecher, wobei erst der große Spiegel zu Bruch geht, dann ein Glas mit Zahnbürste und Zahnpasta, schließlich die große Kiste aus Hartplastik voller Zeitungsartikel mit Fotos des Wohnbaustadtrates. Onno Werbungswahn flieht durch die Badezimmertür, das Tonbandgerät verfehlt ihn knapp, schlägt gegen die Zarge der Tür und zerschellt am Boden. Kriegsgeschrei ausstoßend, verfolgt Ludwig van Beton seinen Pressesprecher durch die Wohnung.

  Auf dem Badezimmerboden bleibt nur das Tonbandgerät zurück. Schwer beschädigt, wiederholt es unendlich oft einen verstümmelten Satz des Briefes an Dr. Bautrick:

  DAS TONBANDGERÄT: Die exzellente Arbeit, die die Baupolizei leistet… Die exzellente Arbeit, die die Baupolizei leistet… Die exzellente Arbeit, die die Baupolizei leistet… Die exzellente Arbeit, die die Baupolizei leistet …

  NACHTRAG:

  Unsere Hausbaufarce beginnt, konkrete Wirkung zu zeigen. Das glaubt ihr nicht, liebe Leser? Es scheint, dass unser Held, der Wohnbaustadtrat Ludwig van Beton, beschlossen hat, die Zeitungsseiten etwas weniger oft mit seinen Fotos zu verstopfen. Das ausgezeichnete Boulevardblatt ZUSPÄT pflegte Riesenbeilagen von 8-10 Seiten mit zahlreichen Fotos des Wohnbaustadtrats zu veröffentlichen. Überraschenderweise findet sich in den jüngsten Beilagen keine Spur mehr vom sympathischen, breiten Gesicht des Ludwig van Beton. Gleichzeitig hat die Baupolizei angekündigt, eine Umstrukturierung vornehmen zu wollen, auch um mehr Transparenz zu schaffen, so der Wohnbaustadtrat in einem Interview der Anderswoer Zeitung vom 28. September diesen Jahres. „Kein Pardon für Korruption“ hat der ehrgeizige Wohnbaustadtrat versprochen, obwohl es seinen Worten zufolge „in den letzten fünf Jahren keinen einzigen Fall von Korruption gab.“

  Recht hat leider hat der Bürgermeister von Anderswo, der weise Harry Grammelsucht: Dass kein einziger Baupolizist wegen Korruption u/o Amtsmissbrauch verurteilt wurde, gereicht nicht der Baupolizei zur Ehre, sondern der Justiz zur Unehre. Und die öffentliche Meinung, sagt Harry Grammelsucht sehr richtig, ist nicht blöd …